… ein guter Zeitpunkt für einen Perspektivenwechsel.

Heute habe ich eine Freundin besucht – wir waren zusammen auf der Pferdemesse. Es geht ihr nicht gut. Sie ist in einer grossen Verzweiflung und fühlt sehr starke Existenzängste. In den letzten Jahren hat sie in ihrem Leben vieles verändert auf der Suche nach einem Leben, das es wert ist, Leben genannt zu werden. Ihr altes „Leben“ bestand au dem Rennen im Hamsterrad der Firma, dem Versuch in einer sehr männlich dominierten Branche ihr Weiblichkeit zu bewahren und es bestand auch aus, oft schwerer, Krankheit. Die Sehnsucht, nach etwas anderem liess sie nie los und sie probierte einige Wege aus auf der Suche nach diesem anderen. Schliesslich spürte sie, dass es eine tiefgreifende Veränderung ihrer Umstände brauchte. Sie setzte um, was sie schon länger tun wollte und trennte sich von ihrem Mann. Sie merkte, dass sie es in der Firma nicht mehr aushielt und fand auch den Mut, den gut bezahlten Job zu kündigen um sich selbständig zu machen. Und wo sich schon mal dabei war, wechselte sie auch gleich den Ort und zog um – ans Wasser, das wollte sie schon immer hin. Das Wasser, das Fliessen, das war schon immer ihr Ding.

Nun, nach zwei Jahren, merkt sie, dass sie selbst nicht im Fluss ist. Sie steckt mit beiden Beinen in einem Sumpf aus alten Mustern und Strukturen. Sie sucht Leichtigkeit, sie sucht Wege aus der Lähmung heraus zu kommen und es ist ihr sehr bewusst, dass die tiefe Wahrheit die ist, dass sie den Willen zum Leben immer noch nicht gefunden hat.

Nun klingelt das Telefon. Es ist ihr Ex-Mann – wir beide wissen das sofort. Ich spüre den Sog, den das Telefon ausübt – ein Rettungsanker, ein vermeintlicher, und der Sog der Vergangenheit. Sie weiss das, hasst dieses Gefühl der Zwiespältigkeit. Sie spürt ihre Bedürftigkeit, die Abhängigkeit produziert. Und sie hasst dieses Gefühl gleichzeitig. Den Hass projiziert sie auf ihn und will dass er sich verändert. Sie weiss, dass sie aufhören muss, mit ihm so oft zu telefonieren. Sie weiss, dass das not-wendig ist um dem Sog der Vergangenheit zu entkommen und ihren Fokus in der Zukunft zu finden.

Ich sage ihr, dass ich empfinde, dass sie das dringend klären muss. Ich frage, was sie ihm sagen würde, wenn er hier sässe und dann habe ich die Idee, dass sie ihm einen Brief schreiben könnte – nicht zum Abschicken, nur für sie selbst. … Sie schreibt. Ich sitze da, spüre sie und bekomme den Impuls, ebenfalls diesen Brief zu schreiben, in ihre Haut zu schlüpfen, ihre Empfindungen zu fühlen und dabei meine Ausrichtung zu behalten. Eben nicht dieses „weg von“, das hadert, zetert, leidet, kämpft und stecken bleibt – sondern das „hin zu“, versöhnlich, sehnsüchtig, kreativ, mit Blick auf die Zukunft, die ich erschaffen will. Und so schreibe ich:

Lieber Freund,

eben hat das Telefon geklingelt. Ich bin nicht dran gegangen. Ich wusste gleich, dass du es bist. Wer sollte mich sonst anrufen (denke ich zumindest immer). Jetzt gerade habe ich Besuch. Da ist dein Anruf eine Störung für mich. Sonst ist dein Anruf eine willkommene Ablenkung. Das ist die bittere Wahrheit, über die ich dir jetzt schreiben will. Dein Anruf ist eine willkommene Ablenkung von meiner Wahrheit. Meine Wahrheit ist: ich fühle mich deprimiert, einsam und verzweifelt. Ich habe Angst – Scheiss-Angst, Existenzangst, Angst zu sterben, ebenso wie Angst zu leben. Ich habe nicht gelernt, wie das Leben geht – ebenso wenig wie du.

Obwohl … eigentlich ist das Quatsch. Als Kind wussten wir, wie das geht mit dem Leben –  so wie das jedes Kind weiss, wenn es geboren wird. Aber das Wissen wurde weg gemacht. Mutter Kultur, die Angst in der Familie, in die man geboren wird, die Verzweiflung, die Traurigkeit, die Sorgen, die Depression in dieser Familie, die man mir der Muttermilch in sich aufnimmt. Abwesenheit von Freude, Verbote, Regeln, Schmerz, Strafen, Missbrauch. Dann lernt man Gefühle abzuspalten, damit man das aushält. Man lernt einfach, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen … sagt man so schön. Dabei ist das ja in Wahrheit der Weg des grössten Widerstandes – gegen sich selbst, gegen das Leben, gegen die Seele.

Doch meine Seele hat nie ganz Ruhe gegeben. Immer wieder hat sie an die Tür ihres inneren Verlieses in mir geklopft – mal lauter, mal leiser. Oft auch über den Weg des Schmerzes, der Krankheiten. Ich wusste nicht mal wirklich, was das ist, dieses Pochen in mir – hab gesucht im Aussen. Seminare hab ich besucht, „Vision der Freude“ hiess eins (was nützt mir die blosse Vision??) … eine Freundin und Lehrerin, die Flöten, indianische Rituale … überall habe ich gesucht … ein Lehrer, der Jakobsweg …

Obwohl ich inzwischen weiss, dass ich in mir selbst suchen muss, habe ich ihn bis jetzt nicht gefunden, den Willen zum Leben. Vielleicht ist es so einfach, dass ich Aufhören sollte zu suchen und damit beginnen sollte zu finden?

Ach, mein Lieber, wir sind uns im Grunde so ähnlich. Ich habe mich von dir getrennt, weil wir uns so sehr verstärken gegenseitig in unseren Programmen von: nicht leben wollen, leiden, Phlegmatismus, Einsamkeit, Bedürftigkeit und Schmerz. Ich zweifle nicht wirklich daran, dass die Trennung richtig war – für uns beide. Aber ich merke, dass ich zwar weglaufen konnte vor dir, aber nicht vor mir selbst. Wenn du dann anrufst, ist das eine Möglichkeit, sich gegenseitig zu bedauern. Ich mag dich immer noch. Es tut mir gut, dein Mitgefühl zu spüren, deine Liebe. Es tut gut zu wissen, dass du trotz der Verletzungen, zu mir hältst, mich nicht im Stich lässt. Und ich bin dir sehr dankbar dafür!

Doch gleichzeitig weiss ich: es ist nicht gut für mich, dass mir das gut tut. Der Frau, die ich bin, tut das gut – nicht aber der Frau, die ich sein will!

Ich will den Punkt der Umkehr finden. Ich will die Lebensfreude finden, Sinn, eine Lebensaufgabe, meine Fähigkeiten entwickeln. Ich will die Welt spüren, die Menschen um mich herum wieder fühlen, mich selbst, das Prickeln, das Pochen, die Sonne auf meiner Haut, den Wind in meinen Haaren, den Atem eines Pferdes an meiner Wange, das Gras unter meinen Füssen, die Rinde eines Baumes unter meinen Händen. Das ist Leben, das ist Sexualität….  Ja, das ist auch so ein Thema, diese tiefe Sehnsucht in mir, zu erfahren, was erfüllende Sexualität wirklich ist. Ich weiss das nicht. Wir beide zusammen haben das nicht heraus gefunden – ebenso wenig wie die allermeisten Menschen. Auf jeden Fall hat es nichts mit dem Sex zu tun, wie die Kultur ihn pflegt – das zumindest weiss ich in meinem Inneren.

Wir beide jedenfalls erinnern und bestätigen uns in unseren alten Mustern. In den alten Mustern, in der Vergangenheit, können wir das Leben nicht finden – sonst wäre es schon längst da! Wir müssen auf Entdeckungsreise gehen – uns öffnen für Neues – tun was wir nie getan haben – sehen mit anderen Augen – aussprechen, was uns die Kehle zuschnürt – denken, was wir nie gewagt haben zu denken – Grenzen überschreiten – mutig sein, neu-giering, abenteuer-lustig, wissens-durstig.

Deshalb, lieber Freund, ist es besser, dass wir Abstand halten, dass wir nicht mehr telefonieren um uns nicht auf den alten Wegen festzuhalten – um unserer selbst willen, um des Lebens willen, um unserer Seele willen. Ich würde mich sehr – wirklich sehr – freuen, wenn auch du deine Heldenreise endlich antreten würdest, endlich den Mut finden würdest, das zu finden, was dir Erfüllung bringt. Bedenke, das Leben ist endlich – zumindest in diesem physischen Körper.

Auch wenn wir getrennte Wege gehen – vielleicht treffen wir uns mal wieder auf unseren Reisen und können uns dann voller Freude erzählen, was wir erlebt haben.


Und was würden die Pferde dazu sagen? Vielleicht haben sie Mitgefühl mit den Menschen. Pferde haben nicht die Menschenkultur, die Kinder ihre Seele vergessen macht. Pferden stellt sich nicht die Frage nach dem Unterschied zwischen „weg von“ und „hin zu“, zwischen suchen und finden. Sie vermissen nicht, weil sie nicht verloren haben. Sie suchen nicht, denn sie sind schon da.

Heute ist Vollmond … ein guter Zeitpunkt für einen Perspektivenwechsel!

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