Angst essen Seele auf

„Angst essen Seele auf“. Seit einigen Tagen begleitet mich innerlich der Titel des Films von Rainer Werner Fassbinder.

Heute hat meine Tochter eine Aufnahmeprüfung für eine Ausbildung. Heute Morgen war der praktische Teil – gerade läuft die schriftliche Prüfung. In der Pause kam sie total deprimiert nach Hause und wollte gar nicht mehr gehen. Sie sagte, dass sie alles vermasselt habe. Sie sagte, ihre Hände haben gezittert, sie konnte die Arbeit nicht mit der gebotenen Sorgfalt ausführen. Die Maschine an der sie gearbeitet hat lief schneller als sie das wollte und sie wusste gar nicht warum. Sie hatte Tränen in den Augen und war voller Verzweiflung. Sie sagte, eigentlich brauche sie ja zum zweiten Teil gar nicht mehr hinzugehen.

Ich spürte ihre Angst, nach dem Abschluss der mittleren Reife den Weg nicht zu finden, der sie weiter führt. Ich sagte ihr, dass sich etwas finden werde, was für sie stimmt. Doch ich spürte, dass meine Worte hier allenfalls beschwichtigen können. Beschwichtigen heisst, dass Gefühle wie Giftmüllfässer im inneren Meer versenkt werden – sie lösen sich dadurch aber nicht auf. Also fragte ich mich: was braucht es jetzt?

Ich fühlte diese kollektiven Angst der Jugendlichen, keine Lehrstelle zu bekommen, ihren Weg nicht zu finden, nicht zu wissen, wie es weitergeht, womöglich bald zu der deprimierten Gruppe von Erwachsenen zu gehören, die keinen Arbeitsplatz haben oder im besten Fall zu der riesigen Menge von deprimierten Erwachsenen, die einer Arbeit nachgehen, die sie weder mit Sinn noch mit Freude erfüllen. Diese Angst, diese Depression ist geradezu systemimmanent in unserer Gesellschaft. Es ist ansteckend. Wie soll man es anstellen, da den Weg zu finden, der stimmt, der richtig ist? Was braucht es da? Und was braucht es jetzt für meine Tochter?

Vertrauen ist die Antwort. Es braucht Vertrauen in die Weisheit der Seele. Wenn uns schon in vielen Bereichen die Bewusstheit fehlt, dann dürfen wir uns lenken lassen. Wichtig ist dabei einzig und allein die Entscheidung darüber, wovon wir uns lenken lassen. Wichtig ist die Entscheidung über die innere Ausrichtung.

Was meine ich mit Ausrichtung? Es gibt sehr unterschiedliche Energien, die uns lenken wollen. Es gibt zum Einen die der Zerstörung. Diese Energien haben sehr viel Macht über Menschen, weil Menschen diese Energien erlauben – vor allem durch ihre Unbewusstheit. Diese Energien sind deshalb so stark, weil Menschen den „Pool freier Energien“ dadurch füttern, dass sie unliebsame Energien abspalten. Das was Menschen nicht haben wollen, nährt diesen Pool und führt sein Eigenleben.

Zum anderen gibt es die Liebe, die die Summe von allem ist – das heisst, sie erlaubt ALLES – das sogenannte Helle wie das sogenannte Dunkle. Meine Tochter hat ein grosses Herz und sie weiss das. Und sie weiss, was ich meine, wenn ich ihr sage: Die Angst verschliesst dein Herz, das ist dein einziges Problem. Denn dann kannst du deine Seele nicht mehr spüren. Öffne dein Herz! – Auch für die Angst!

Das ist Erlauben und das ist bei Weitem nicht immer angenehm. Es ist jedoch der einzige Weg der heilt, der verändert. Er integriert, statt abzuspalten. Er führt zur „Ganzwerdung“ statt zu weiterer Reduktion. Er führt zu Bewusstheit, Eigenmacht und letztendlich zu immer mehr Lebendigkeit und Lebensfreude. Nur, das ist ja oft leichter gesagt als getan. Wie geht das denn, Angst zu verspüren und trotzdem das Herz nicht zu verschliessen? Atmen! Das ist das Eine. Vertrauen finden! Das ist das Andere. Und die bewusste Entscheidung, wer in dieser Herde der inneren Anteile die Leitstute ist.

Ich finde ein Beispiel für meine Tochter: Stell dir vor, du willst irgendwo hinfliegen und freust dich total drauf. Und dann kommst du auf der Autobahn in einen Stau und flippst fast aus vor Ungeduld, der Angst dein Flugzeug zu verpassen und dem ohnmächtigen Gefühl nichts dagegen machen zu können. …. Und dann verpasst du den Flug. ….. Und dann, einige Stunden später erfährst du, dass das Flugzeug abgestürzt ist! …

Dann weisst du, was dienlich war. Dann ist das, was zunächst so negativ schien, auf einmal eine glückliche Fügung. So ist das oft im Leben der Menschen, denen es im Allgemeinen sehr an Bewusstheit fehlt. Bewusstheit hiesse zu spüren, zu WISSEN, wenn es nicht gesund wäre, ein Flugzeug zu besteigen.

Bei dieser Ausbildung, dieser Schule, war sie von Anfang an nicht sicher, ob es der richtige Weg ist. Sie sagte, sie probiert es einfach aus. Das sei besser als nichts tun. Recht hat sie! Manchmal bedarf es der Handlung um herauszufinden, was richtig ist. Auch ich hatte kein sicheres Gefühl dafür, ob der Weg für sie der richtige sei. Statt zu grübeln, richtete ich meinen Fokus auf das, was ich mir für meine Tochter wünsche und bat darum, dass sich das ergibt, was es dafür braucht.

Nun, sie kam mit gesenktem Kopf und ging erhobenen Hauptes. Sie sagte: „Also gut, ich werde jetzt mein Bestes geben. Immerhin weiss ich danach, wo ich stehe. Wer weiss wozu alles gut ist und wenn das nicht klappt, werde ich das Richtige finden.“ Ihr Herz ist wieder offen, die Angst steuert sie nicht mehr und ich freue mich, dass draussen die Sonne scheint und ich nun zu einem Treffen auf einen Pferdehof fahre.

Pferde, überhaupt Tiere, kennen diese Konflikte nicht. Sie kennen nicht diese Wahl der Entscheidungsfreiheit – für diese oder jene Ausrichtung – oder ob sie ein Gefühl erlauben oder nicht. Sie erlauben einfach alles was ist, sie werten nicht und demnach spalten sie auch nicht ab. Ja, manchmal haben auch sie Angst. Dann erlauben sie die Angst. Nie kämen sie auf den Gedanken, sich selbst oder anderen etwas vorzumachen.

Deshalb isst die Angst ihre Seele nicht auf.

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