Das sogenannte positive Denken und die unbequeme Wahrheit

Das musste sich meine Seele mal wieder über den Körper Aufmerksamkeit verschaffen. Eine Blasenentzündung mit grossen krampfartigen Schmerzen bei Wasserlassen und dann auch noch Blut im Urin. Der Schreck ist gross! Ok, ich weiss schon, Alles nicht sooo dramatisch – und doch ist mein ganzes System auf Alarm.

Ich habe Besuch und danach will ich eigentlich am Besten nur noch schlafen, nicht weiter in die Gefühle reingehen, obwohl ich weiss, dass das immer wieder das Heilsamste ist – wirkungsvoll, schnell und nachhaltig. Vielleicht will ich nicht weiter reingehen, weil ich so müde bin, vielleicht, weil es einige Stunden zuvor auch nicht weiter gebracht hat, vielleicht, weil es mir insgeheim zu unbequem ist … obwohl, oder gerade weil, die Tränen schon so dicht unter der Oberfläche lauern.

Doch das Leben macht mir einen Strich durch die Rechnung – Abhauen gilt nicht. Das Leben in Gestalt meines Liebsten, dem ich 1 Stunde zuvor eine SMS geschrieben hatte und der mich nun besorgt anruft. Ich hatte gehofft, mit ihm sprechen zu können, weil er ein sooo wunderbarer Begleiter im Dickicht der Gefühlswelten ist, aber ich wollte ihn nicht wecken. Warum er auf sein Handy schaut, wenn er in der Nacht nur zur Toilette muss? Hat ihm da mein Schutzengel auf die Schulter getippt? Nun denn, er ist da – und das heisst, er ist wirklich und wahrhaftig da (!!), wie es wenige Menschen vermögen, die ich kenne. Er ist da mit seiner ganzen Aufmerksamkeit und seinem offenen Herzen.

Ich sage ihm, dass ich mich sorge und auch wieder nicht, dass ich nicht krank sein will. Dass ich lieber verstehen will, was die seelische Ursache ist, aber nicht weitergekommen bin. Ich weiss aus vielen eigenen Erfahrungen, wie schlagartig körperliche Symptome verschwinden können, wenn die seelische Ursache erkannt und anerkannt ist. Ich weiss auch, dass die Blase für die Annahme eigener Emotionen steht, häufig im Zusammenhang mit Beziehungen.

Aber ich wusste nicht, was es hier anzunehmen galt. Er hat mich ermutige, meine Gefühle zu erlauben, meine Tränen konnten endlich fliessen in dem geschützten Raum, den er für mich hielt. Und mit einem Mal hat sich der Film des ganzen Tages vor mir nach und nach abgespult und mir gezeigt, wo und wie ich meine Emotionen unterdrückt habe um ja „schön lieb“ zu sein.

Da war der Ärger über eine Handlung meiner Tochter, die ich dann anrief mit diesem Ärger im Bauch und den ich dann mittendrin doch wieder geschluckt habe, weil ich ja nicht wollte, dass es ihr (wieder) schlecht geht.

Da war der Ärger über zwei Geschäftspartner, den ich auf „nette“ Art ausgeräumt habe. Natürlich hatte dies Erfolg, aber ich sehe, dass ich dabei meinen Ärger gar nicht wirklich erlaubt habe. Das hätte ja nicht heissen müssen, dass ich ihnen den um die Ohren haue, aber zunächst mal erlauben zu spüren, wäre ja nicht hinderlich gewesen.

Da war der Ärger über eine runtergefallene und zerborstene volle Thermokanne und dem Chaos aus winzigen dünnen Glassplittern und einem See von Tee, der ins Parkett sickerte. Ich bin „vernünftig“ geblieben und habe in aller (trügerischer) Ruhe alles in Ordnung gebracht. Meinem Liebsten ist am Vortag etwas Ähnliches passiert. Er hat erstmal seinen Gefühlen lautstark Raum gegeben – ich nicht … macht man ja nicht als gut erzogenes Mädchen!

Da war der Ärger über meine Kollegin, über ihren Gemütszustand. Aber ich will sie ja nicht verurteilen, dann geht es ihr ja noch schlechter und schliesslich ist sie nicht nur eine Geschäftspartnerin, sonder auch noch eine gute Freundin. Also wieder geschluckt! Wieder nur Verständnis gehabt für SIE.

Das ist mir kürzlich schon bewusst geworden, dass ich vor lauter Verständnis und Mitgefühl für Andere, das Verständnis und Mitgefühl für mich oft völlig vergesse! Dabei kommt mir das Telefonat mit meinem Liebsten am Vortag in den Sinn, wo er so abweisend war und ich so getroffen und verletzt davon. Aber weil ich ja wusste, dass ich nicht wirklich gemeint war, dass das mit ganz etwas Anderem zu tun hat, bin ich ruhig geblieben, statt zu sagen: hallo, das verletzt mich jetzt! Um es auszuhalten, hab ich mein Herz ein Stück zu gemacht, so wie auch er. Zum Glück merken wir so etwas gleich und können es in unserm wahrhaftigen damit-Sein und miteinander-Sein überwinden.

Doch als ich mich an all das erinnerte, war meine nächste Frage: Wovor habe ich Angst? Welche Angst veranlasst mich, die Gefühle wie Ärger, Wut, Zorn, Frust nicht zu erlauben? Die Frage ist innerlich kaum gestellt, schon sind sie da, die Bilder aus der Kindheit und mit ihnen die Erkenntnis. …

Wenn ich nicht lieb bin, wenn ich auffalle, wenn ich laut bin, aufsässig, widerspenstig, dann werde ich wieder geschlagen, dann gibt es den Entzug der Liebe, die gefühlt nicht mal wirklich für mich da war. Dann muss ich wieder weglaufen und mich verstecken, ohnmächtig warten, bis die Situation wieder safe ist.

Mir wird klar, dass ich Angst habe vor den Emotionen meiner Tochter – IHREM Zorn, Angst vor der Ablehnung meiner Geschäftspartner – IHREM Ärger, Angst vor dem Rückzug meiner Freundin in ihr Schneckenhaus – IHREM Frust, Angst vor dem Rückzug meines geliebten Partners – SEINER Wut. Es ist nicht wirklich die Angst vor IHREN Emotionen, sondern die Angst vor den vermeintlichen Konsequenzen, die ein meinem System damit gekoppelt sind: Schläge, Ausgeliefertsein, Ohnmacht, Liebesentzug, Schmerz, Einsamkeit. Ich sage mir: das WAR, es ist Vergangenheit! Ich bin nicht mehr das ohnmächtige Kind. Ich bin erwachsen! Ich bin in Sicherheit! Es ist Alles gut!

Ich spüre auch, dass ein Teil in mir das noch nicht ganz glaubt. Vielleicht braucht dieser Teil in mir, mein inneres Kind, noch mehr Zuwendung von mir, der weisen Frau, um Vertrauen zu fassen. Heute ist Neumond – ein wunderbarer Tag um tief im Inneren neue Entscheidungen zu treffen!

Und das Sein mit diesem wunderbaren Mann und seiner bedingungslosen (!) Liebe ist Balsam für meine Seele und wird auch seinen Teil beitragen zum Heilungsprozess. Ich verabschiede ihn dann am Telefon in die Nacht und danke ihm von Herzen für seine kostbare Begleitung. Dann lasse ich meinen Tränen noch eine Weile ihren Lauf, spüre das schneidende Brennen in meiner Blase und schlafe im tiefen Mitgefühl für mich selbst ein. Am Morgen erwache ich und alle Symptome haben sich vollständig aufgelöst.

Die Wahrheit heilt – auch die Wahrheit im Umgang mit uns selbst! Sie ist nicht immer angenehm und oft ist es sehr unbequem, sich auf die weg gedrückten Gefühlen wahrhaftig einzulasssen. Das sogenannte positive Denken blockiert uns da oft ganz unbewusst. Heilung braucht den Mut haben, Emotionen wahrhaftig zu fühlen – und das heisst bei weitem nicht, diese Emotionen auszuleben!!

Wenn ich mich über einen Mitmenschen ärgere, ist es möglich, den Ärger zu erlauben und gleichwohl ihn nicht zu verurteilen für sein Verhalten, welches meinen Ärger auslöst. Ich kann im Mitgefühl mit ihm UND mit mir sein! Ja, ich weiss … leichter gesagt als getan. Aber Übung macht den Meister und die Meisterin. Wir Alle sind Lernende!

Bisweilen ist es der Körper, der uns den Weg weist! Krankheiten und Schmerzen zeigen uns „nur“ wo Blockaden sind, wo die Energie nicht frei fliessen kann. Es geht darum, wieder in Fluss zu kommen, einfach mit den Emotionen zu sein, das Herz für sie zu öffnen. Offen zu sein für das, was sie uns zeigen wollen, dem auf die Spur zu kommen was dahinter steckt, wo wir uns reduzieren, indem wir nicht gelebt haben, was wir wollten oder getan haben, was wir nicht wirklich wollten. Wenn wir das er-kennen, uns dazu be-kennen, dann ist der Weg frei für neue Entscheidungen – auf dem Weg in ein immer wahrhaftigeres, lebendigeres und erfüllteres Leben!

Ein Leben, in dem wir wachsen, indem wir unterlassen, was wir nicht wirklich wollen und leben, was ge- und er-lebt werden will!

 

 

 

 

 

 

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Eine Antwort zu Das sogenannte positive Denken und die unbequeme Wahrheit

  1. Die Einhörner schreibt:

    Hey, Du Liebe!

    Wenn Du magst drück ich Dich mal doll und herzlich! Da ist sie wieder Deine Wut – sie darf sein und Du darfst sie freilassen. 🙂 Und das positive Denken kann einem dann auch mal kurweilig den Buckel runter rutschen. 😉

    Ich wünsch Dir viel Spaß dabei endlich mal laut zu sein, endlich mal Deinen Ausdruck zu spüren. Ich bin darnin ganz gut, darum hakt es bei mir an anderer Stelle…

    Zum heulen, zum toben und zum aus der Haut fahren… Wenn die Emotion frei ist läßt sich ein weiter Horizont blicken der Möglichkeiten bereit hält.

    Ich hoffe das mein tiefes Tal nun vorbei ist, denn ich hab etwas sehr wichtiges vergessen was endlich geboren werden wollte, es unterdrückt und festgehalten… seit ein paar Jahren. Ein bißchen schwanger und ein bißchen geboren sein geht wohl nicht. *kopfkratz* Und nun kommt es hervor, ich hoffe das ich nur daran erinnert werden sollte und es jetzt wieder „gut“ wird.

    Ich drück uns beiden die Daumen!

    Liebe Grüße aus dem Norden

    Nicole

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